Mystischer Patteriol
Eine Bergbesteigung der besonderen Art
Diese Geschichte erzählt von einem grandiosen Ausflug, den wir unlängst mit unsern "Yetis" auf den Patteriol unternommen haben. Die Kombination von Bergsteigen und Fliegen hat uns alle berauscht und süchtig gemacht nach weiteren Erlebnissen dieser Art...
Daß Gleitschirmfliegen weit mehr sein kann, als mit der Seilbahn stets auf denselben Startplatz zu gondeln, dann ein paar Kreise zu ziehen und schließlich auf dem mit zig Windsäcken zutode gekennzeichneten Landeplatz zurückzukehren, beweist der charismatische Streckenflieger und Fluglehrer Simon Penz aus dem tirolischen St. Anton. Simon Penz hat nämlich das Potential des neuen, nur 4,5kg schweren Bergsteigerschirms "Yeti" (Gin) erkannt. Mit diesem Fluggerät (der Rucksack ist übrigens, wenn man ihn umstülpt, schon gleichzeitig das Gurtzeug) lassen sich mehrere Sportarten vereinbaren, wie Schitouren und Bergsteigen. Der Yeti eignet sich auch vorzüglich zum Biwackfliegen, d.h., man fliegt von Berg zu Berg, bis es eindunkelt und die Thermik nichts mehr hergibt, nächtigt im Schirm und setzt seine Strecke am folgenden Tag fort.
Um zu zeigen, was man mit dem Yeti (DHV1) alles machen kann, hat uns Simon Penz zu einer Bergtour auf den Patteriol (3056m) in der Verwallgruppe eingeladen. Der Patteriol ist einer der imposantesten und markantesten Berge im Tirolischen. Sein Doppelhorn gibt ihm ein beinahe majestätisches Profil. Bergsteiger nennen diesen - allerdings nur für Geübte einfach zu besteigenden - Berg auch gerne den den mystischen Berg, weil sich um ihn viele Sagen und Legenden ranken.So brachen wir in den frühen Morgenstunden zu unserer Yeti-Bergsteiger-Tour auf. Vor uns lag der allmählich grauende Morgen, und die beiden Hörner des Patteriol erheischten schon die ersten, blaßroten Sonnenstrahlen.
St. Anton in Tirol, von wo aus wir den Ausgangspunkt nahmen, lag noch in tiefer, verschlafener Dunkelheit. Nur der Dorfbäcker, die Frühaufsteher und die noch immer Schlaflosen waren bereits geschäftig zugang.
Mit dem Bus ging es auf einer sehr holprigen - weil durch die kürzlichen Unwetter arg lädierten - Straße ins Verwalltal, hinein bis zur Konstanzer Hütte. Dort gab es kein Weiterkommen mehr, und also schulterten wir unsere Yetis, traten eine berückend schöne Morgenwanderung an, rochen die kühle, ungemein würzige Luft des Verwalltals, vermochten uns nicht sattzusehen an dem eisigen Blau des Fasul-Bachs, welcher noch immer eine große Menge an Wasser aus den Gletschern herausschob und hörten allmählich die ersten Singvögel erwachen.
Aus der nächtlichen Dunkelheit der Verwalltals stiegen wir allmählich den ersten Sonnenstrahlen entgegen. Noch war der Aufstieg bequem und leicht, führte auf einem sanft ansteigenden Pfad immer höher ...
und hinauf in eine vollends menschenleere Berglandschaft, deren grandiose Weite und Stille einen selbst still und innerlich weit machte. Alle schwiegen wir. Jeder in seine eigenen Gedanken vertieft, den eigenen Rhythmus des Gehens findend.
Plötzlich tat sich vor unseren Augen eine seltene Naturerscheinung auf. Mitten in dem Hochtal lag ein riesiger, granitener Monolith, der von den Einheimischen der "kugelte Stein" genannt wird. Um diesen Monolithen ranken sich zahllose Legenden.
Eine erzählt davon, daß in mythischer Vorzeit die Alben diese Berggegend bewohnt hätten. Nun seien besagte Alben durch böse Zaubermächte in Gefangenschaft geraten und mußten tagein, tagaus am Fuße des Patteriols nach Silber schürfen, denn es habe dort einen riesigen Silberschatz gegeben. So hätten die Zwerge einen unermeßlichen Haufen an Silber aufgetürmt, um sich die Freiheit zurückzukaufen. Ein Schafhirte, der in jener Gegend seine Herde gehütet habe, habe den Schatz entdeckt. Schnell sei er ins Dorf gelaufen, um den Fund bekannt zu machen. Daraufhin seien die Bauern mit Ochsenkarren und Pferdefuhrwerken nächtens heraufgekommen, um den Silberschatz zu bergen. Als sie jedoch ihre Spaten an das Silber legen wollten, sei plötzlich ein dichter Nebel aufgezogen, und der Silberhaufen habe sich in puren Granitstein verwandelt. Der Nebel habe sich ein Menschenleben lang nicht mehr gelichtet, und die Bauern hätten nie mehr ins Dorf zurückgefunden. So irrlichterten ihre habgierigen, unglücklichen Seelen noch immer in dieser Gegend umher, bis auf den heutigen Tag.
Und dann standen wir am Fuße dieses sagenumwobenen Berges. Nun sollte es mit der gemütlichen Wanderung vorbei sein. Wir stiegen noch etwas höher, bis wir auf ein Schneefeld gelangten, ...
... das sozusagen als Basislager für unsere Gleitschirme diente. Denn weiter oben, sagte Simon Penz, könne man aufgrund der zerklüfteten Felsen und gewaltigen Geröllmassen keinen Schirm mehr auslegen. Also deponierten wir unsere Schirme und stiegen mit leichtem, lediglich notwendigem Gepäck in den Patteriol ein.
Wie bereits erwähnt, ist dieser Berg von nicht hohem Schwierigkeitsgrad. Will man ihn jedoch als ungeübter Berggeher bezwingen, sollte man von guter körperlicher Konstitution sein und absolut schwindelfrei. In jedem Fall ist es ratsam, ihn mit einem Bergführer zu erklimmen. Wir hatten diesen Mann in Simon Penz gefunden. Mit großer Wachheit und Behutsamkeit, lotste er uns durch die Unwägbarkeiten dieses im Grunde genommen einzigen, riesigen Geröllhaufes.
Denn der Patteriol ist bei näherer Betrachtung wirklich ein seltsamer Berg. Was noch aus der Ferne wie ein kompaktes Massiv aus Fels aussieht, ist vor Ort ein scheinbar völlig in sich zusammengestürzter und durch Jahrmilliarden verwitterter Geröllhaufen, gleich eines immens hohen gotischen Domes, dessen Steinquader durch Gottes Zorn in- und übereinandergefallen sind.
Einfache Kletterabschnitte wechselten sich mit kürzeren, jedoch recht sportlichen Steilpassagen ab.
Die schwierigste Passage im Patteriol bildet jedoch der Anstieg zum sogenannten "Fenster".
Hat man das "Fenster" erklommen, weitet sich einem zum ersten Mal der Blick über den Grat hinaus und hinein in die märchenhafte, hochalpine Landschaft des Silbertals.
Um das "Fenster" ranken sich ebenfalls mehrere Legenden aus der tiroler Sagenwelt. Die vielleicht schönste und berührendste weiß davon zu erzählen, daß sich vor grauer Zeit ein Köhler aus dem Dorf hierher zurückgezogen habe. Weil er durch die Pest seine junge Frau und sein Kind verloren habe, sei er verbittert, habe die Menschen, Gott und die Natur nicht mehr liebhaben können. Fremd sei er allen geworden, eigenbrötlerisch und mißmutig. Hier in dem "Fenster" habe er unter einem Felsvorsprung gehaust, gelebt von den wilden Beeren, dem Quellwasser, das allerorten in kleinen Rinnsalen aus dem Fels sprudelte. So habe der Köhler viele Jahre zugebracht, habe das Reden allmählich verlernt und die Sprache der Tiere, der Adler und Murmeltiere, der Steinböcke und Gemsen erlernt.
Aber die Sehnsucht nach menschlicher Nähe sei dem Köhler doch nie abhanden gekommen. Da habe er plötzlich wieder laut in seiner alten Sprache geredet, habe zu Gott gebetet, ihn angefleht, er möchte ihm doch ein menschliches Wesen als Gefährten beistellen. Doch Gott hätte seine Gebete nicht erfüllt und beharrlich geschwiegen. Eines Nachts habe der Köhler dann einen unheimlichen Rumor und Donner vernommen, knapp oberhalb seiner Höhle. Er habe gemeint, der Berg stürze zusammen und begrabe ihn unter sich. Doch als er andertags erwacht sei und nachgesehen habe, was es mit dem Donner auf sich hätte, fand er den Durchbruch, das Fenster in dem Felsgrat. Und als der Köhler so dastand und durch dieses magische Fenster in dem Felsen hindurchgeblickt habe, ...
... hätte sich sich unter seinen Augen eine bisher nicht gekannte Landschaft aufgetan - das sogenannte Silbertal mit dem Langen See. Wie der Köhler ganz verblüfft und ergriffen in das Tal hineingeblickt habe, hätte er eine innere Stimme vernommen, die zu ihm sagte: "Ehe du unter Menschen gehst, lerne in die Natur zu gehen. Ehe du aber in die Natur gehst, lerne, es bei den Menschen in Frieden auszuhalten." Da habe der Köhler begriffen, daß man Frieden in sich und bei den Menschen machen müsse, nicht in der Natur. Soweit die Legende.
Wir indessen setzten allmählich zum Gipfelsturm an. Da wurden wir von einem genüßlich in der Sonne lagernden Rudel Steinböcke überrascht. Jemand in unserer Gruppe sagte, man müsse leise sein, aber Simon Penz entgenete lakonisch daß uns die Steinböcke schon längst beobachteten, ehe wir sie überhaupt entdeckt hätten. Das war ein kühner Anblick, wie sich diese Tiere in majestätischer Ruhe auf den schmalen Felsvorsprüngen breitmachten, und das inspirierte uns, es ihnen gleichzutun ...
Freilich haben wir leider nicht die Elegeanz der Steinböcke. (Wenn man genau hinsieht, kann man sie im Bildhintergrund ausmachen.) Die hatten wohl eher nur ein müdes Lächeln für uns Menschen übrig. Aber lernen darf man doch von ihnen.
Geschafft! Der Gipfel war erklommen. Eine fast andächtige Ruhe machte sich unter uns breit. Erschöpft vom Aufstieg, benommen von der unfaßlich schönen Rundumsicht, fand jeder erst langsam wieder in sein Temperament zurück, und das ist bei uns allen gottlob noch immer sehr bubenhaft und schlemisch.
Simon Penz kramte das Gipfelbuch hervor und schrieb einen launigen Eintrag hinein. Wir taten es ihm gleich.
Helmut Wasle spielte Blinde Kuh mit mir. Mit Heiß! - und Kalt!-Rufen hatte ich zum Gipfelkreuz zu stolpern.
Aber ich konnte mich ja blindlings auf meine beiden Freunde verlassen, und so erreichte ich mit sicherem Griff das Gipfelkreuz.
Wir wechselten unsere verschwitzten Sachen, stärkten uns an einer zünftigen Brotzeit, genossen die vollendet Stille, die nur hin und wieder von dem dumpfen Rollen kleinerer Steinschläge durchbrochen wurde, und machten uns schließlich an den Abstieg. Der Abstieg ist oftmals zeit- und kräfteraubender als das Erklimmen eines Berges.
Nun ist mit dem Abstieg so eine Bergtour normalerweise beendet, und es folgt der lange Fußmarsch zurück ins Dorf. Wir aber hatten ja unsere Gleitschirme im "Basislager", etwa 500m unterhalb des Gipfels, deponiert. Was uns nun, nach der Mühsal des Auf- und Absteigens erwarten sollte, ist nur mit einem einzigen Wort zu benennen: Phänomenal!
Der Wind meinte es nicht wirklich gut mit uns, aber so ein Yeti ist ein hervorragender Starter, ja selbst noch bei leichtem Abwind läßt sich dieser bezaubernde Vogel kinderleicht aufziehen. Ein richtiger "Yetler" nimmt dabei nicht einmal die A-Gurte zu Hilfe, sondern startet ihn rückwärts, lediglich mit einem kräftigen Impuls aus den Hüften heraus. Freilich sollte er die Bremsen beim Ausdrehen schon in den richtigen Händen halten, also nicht umgreifen, weil in so schwierigem und steinigem Gelände sehr leicht etwas passieren kann.
Hier sehen wir unseren Simon Penz abheben und sich in die Lüfte schwingen. Er ist ein ausgewiesener Kenner dieser unwegigen Gegend. Wir hatten nämlich unmittelbar nach dem Start sogleich scharf links über den Geröllhaufen zu turnen, um wenigstens noch etwas von der leeseitigen Thermik erhaschen zu können.
Einmal um den Geröllhaufen herumgeflogen, hieß es jetzt, auf der Leeseite des Patteriols Höhe zu machen, so gut es eben ging. Dann hatten wir das Fasultal zu queren, um uns an der Fasulwand allmählich talauswärts zu schwindeln. Man kann auf diesem Foto sehr gut erkennen, wie jeder von uns seine Nullschieber ausreizt.
Wir kämpften uns also talauswärts, wobei wir bisweilen die Hänge regelrecht "polierten". Ein ganz feinfühliges Soaren war das, ein Spüren, ein Suchen, ein Tasten. Hier arbeitet sich Einer die Schotterhalde hoch, um hernach am Hahnentritt-Kopf dann endlich in die Thermik einsteigen zu können.
Der Meister hingegen, Simon Penz, kurbelte schon gleich im Kessel des Scheiblers bis auf 3.200 Meter hoch. Wir brauchten etwas länger, hatten nämlich auch unseren Stolz und wollten nicht willenlos in jeden Bart hineinfliegen, den dieser grandiose Flieger wie aus dem Nichts ausgrub.
Während Simon Penz geduldig auf uns wartete und sich die Zeit mit tollen Schnappschüssen aus seiner Digitalkamera vertrieb, rückten schließlich auch wir zu ihm auf, und dann sahen alle das vielleicht großartigste Bild des ganzen Tages - den sogenannten Vorderen Faselfad, den Auläufer des Faselfad-Ferners. Auch hier weiß das Tiroler Sagenbuch aus dem Jahr 1894 eine denkenswerte Legende zu erzählen.
Es soll am Ostermorgen, nach seiner Auferstehung, der Herr, über die Alpen in das Heilige Land Tirol gewandert sein. Und als er sah, daß die Menschen allerorten in Neid, Mißgunst und Zwietracht zusammenlebten, und er sie durch sein Sterben am Kreuz offensichtlich nicht hatte erlösen können, soll er traurig geworden sein wie ein kleiner Junge, dem die Mutter keinen Gute-Nacht-Kuß geschenkt hatte. Und da soll der Herr zu flennen angefangen haben, und die Tropfen, die er vergossen hatte, könne man noch heute im Vorderen Faselfad sehen.
Bekanntlich fällt es jedem Gleitschirmflieger leicht - ist er einmal unter den Wolken - sich dort auch zu halten. Wir kurbelten bis in die Basis und hatten einen Riesenspaß, in die Wolkenfetzen einzutauchen, durchzustechen, oder sie zu umfliegen. das war ein Geschrei, ein Johlen und Lärmen in der Luft!
Ein bizarres Lichtspiel ergab sich da aus Hell und Dunkel. Wandernde Schatten, sich stetig ändernde Lichtverhältnisse, immer wieder ungeahnte Ein- und Ausblicke.
Und plötzlich kam, weil die Thermik wider Erwarten exzellent war, Streckenflugfieber auf. Hatten wir noch beim Start unsere Zweifel, ob wir den Weg nach St. Anton mit dem Gleitschirm würden erfliegen können (wir starteten ja erst um 15.00 Uhr vom Fuße des Patteriol weg), wurde uns jetzt allen klar, daß dies ein Kinderspiel sein würde. Hier fotografiert Simon Penz die Kuchenspitze (3148m). rechts davon befindet sich der Scheibler.
Hier befinden wir uns schon überm Faselfad-Ferner. Dahinter kann man die Samnaun-Gruppe ausmachen.
Wir flogen, was das Herz nur so begehrte, doch allmählich wurden die Hände klamm. Also beschlossen wir, auf dem Sattelgrat topzulanden, die letzten Sonnenstrahlen des Tages zu genießen und uns aufzuwärmen.
Es mochte der Eindruck entstehen, als lande man im schottischen Hochland, so unwirklich und mystisch war das Licht- und Schattenspiel auf dem Sattelgrat.
Fast sekündlich wandelte sich das Licht hier oben. Der Wind stand herrlich und laminar an, sodaß wir gar noch mit unseren Schirmen spielen und herumalbern konnten.
Ja, man sieht uns den Spaß und die Dankbarkeit für diesen Tag wohl an. Wie drei Lausbuben sitzen wir da und genießen die Freude und die Lust am Leben.
Dann hieß es jedoch, sich sputen, weil die Thermik immer schwächer wurde. Also nahmen wir Abschied von dieser magischen Gegend und ihren Geschichten aus ferner Zeit, überließen die Murmeltiere und Hochlandrinder sich selbst, hoben uns in die Lüfte und flogen heimwärts.
In gesitteter Kolonne glitten wir im Sinkflug nach St. Anton hinaus, ...
... flogen Stabilo an Stabilo, machten Smalltalk miteinander, wie das die Yetler beim Fliegen eben so zu tun pflegen, nutzen noch die letzten Thermikpuffer und landeten schließlich im sich schon eindunkelnden St. Anton.
Ist das nicht ein herrliches Bild, das ausdrückt, wieviel Spaß man mit dem Yeti haben kann?
Besser hätte das Heimkommen nicht sein können, denn am Horizont wuchsen die Wolken dicht ineinander, und kaum, nachdem die Schirme gepackt waren, platzten die ersten Regentropfen auf den Asphalt. Ein leichtes, spätsommerliches Gewitter prasselte über uns nieder, als wir schon längst unser Wiener Schnitzel genußvoll verzehrt hatten.
© Robert Schneider, Simon Penz, www.fca.at
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