Simon Penz lud ein, und die Yeti - Gemeinde kam. Ziel war diesmal die Erklimmung der Kuchenspitze (3148m) in der Verwall - Gruppe, sowie der abschließende Streckenflug nach St. Anton. Es wurde ein Fest der Freundschaft. Die folgenden atemberaubenden Bildern sollen euch ermutigen, gemeinsam fliegen zu gehen und die Freude dieses Sports miteinander zu teilen.
In aller Frühe brachen wir auf, jetzt, da die Morgen wieder langedunkel bleiben werden. Der Bus fuhr uns (Andrea, Simon, Helle, Franz, Christoph, Milius und Robert) von St. Anton ins Verwalltal hinein. Die Straße, die man aufgrund der Überschwemmungen kaum noch als solche bezeichnen kann, rüttelte und schüttelte uns allmählich den Schlaf aus den Augen. Andrea blickt noch nachdenklich drein, aber Milius und Franz sind schon zu Scherzen aufgelegt, und Christoph versteckt sein verschlafenes Gesicht hinter dem Abwindzentrierer.
An diesem Punkt nahm unsere Tour ihren Anfang, und zwar im hinteren Fasultal. Man kann den Fasulbach erkennen, und es ist kaum zu glauben, daß dieses winzige Bächlein unlängst so gewaltige Wassermassen mit sich trug, daß alles überschwemmt und mitgerissen wurde. Das Fasultal ist eine ganz bizarre Gegend, besonders am frühen Morgen, wenn die herbstlichen Nebelschwaden darin hängen. Man hat die Empfindung, in eine Märchenwelt einzutauchen. Die Luft riecht verblüffend würzig. Es ist totenstill, die hochalpine Flora und Fauna schimmert in tiefgrünen und-blauen Nuancen, die bemoosten Granitbrocken, die wie Findlinge herumliegen, sind teilweise schon von Rauhreif überzogen.
Da prangt und leuchtet der Patteriol im Morgenlicht. Er liegt gegenüber der Kuchen-Spitze. Es war unglaublich, mitanzusehen, wie das Licht fast sekündlich in den zartesten Rot- und Gelbtönen changierte. Dann wuchs der Nebel innerhalb weniger Minuten wieder über die Bergspitze hinaus, und man sah nicht einmal mehr die eigene Hand vorm
Gesicht.
Ich zeige dem, der mir einst das Fliegen beigebracht hat, wo ich unlängst vom Patteriol weggestartet bin. Ich glaube, daß Markus Mittelberger schon ein bißchen auf seinen Schüler stolz war, denn ich erinnere mich noch genau daran, wie schwer ich mir anfangs mit dem Gleitschirmfliegen tat. Aber Markus war immer sehr geduldig mit mir
und sagte: Irgendwann, Robert, kriege ich dich schon noch in die Luft. Es ist auch ein schönes Gefühl, wenn man jetzt mit seinem Leher durchaus mithalten kann. Man muß eben in der Fliegerei durch viele und lange Täler gehen, bis man solche Höhepunkte erleben darf. Mit Niederlagen gut und irgendwie auch fröhlich umgehen - das ist schon die halbe Miete beim Fliegen.
Die Vorhut unserer Gruppe kommt gerade auf dem Kleinen Kuchenferner an. Und genau hier errichteten wir unser Yeti-Depot. Wir ließen die Schirme zurück, schnallten unser Gurtzeug um, das wir als Klettergurtzeug gut umfunktionieren konnten. Von jetzt an ging es ans Bergsteigen ...
... natürlich nicht, ohne zuerst eine kleine Rast einzulegen. Die Sonne hatte ein Einsehen mit uns, denn sie geizte an diesem Tag mit ihrer Wärme. Doch plötzlich strahlte sie uns fröhlich an. Christoph Battisti gefiel es so gut, daß er ein kleines Nickerchen machte. Außerdem war er den ganzen Tag mit dem Gedanken beschäftigt, von welchem Geld er seine Stromrechnung bezahlen soll. Darüber schlief er ein, und es dauerte lange, ihn wachzurütteln, denn wir mußten in die Wand einsteigen, sollte der Zeitplan eingehalten werden. Bei einer solchen Tour muß man immer auch den Abstieg mit einkalkulieren. Kommt man zu spät vom Berg runter, ist womöglich die Thermik dahin. Wir wollten ja noch heimfliegen.
Und also stiegen wir in die Wand ein.
Hier sieht man den echten Paragleiter die Wand hochklettern. Er klettert übrigens nach dem Vier-Punkte-System.
Franz Scherl, ein erfahrener Alpinist, sicherte uns an den schwierigen Stellen. Es war ein wunderbares Gefühl, sich in seine Hände zu geben.
Etwa 50 Höhenmeter unter dem Gipfel: Von dort aus genießt man eine spektakuläre Sicht hinunter auf die Darmstädter Hütte und hinaus in das Moostal. Unser Helmut Wasle, der nicht ganz schwindelfrei ist, genoß den Blick lieber liegend, denn vor ihm lagen 1000m Meter freier Fall. Christoph sinnt darüber nach, wie er seine Stromrechnung
bezahlen soll, während Franz die Übrigen aus der Gruppe hochseilt.
An dieser Stelle, knapp unter dem Gipfel, beschlossen dann auch dieerfahrenen Bergcracks, den Aufstieg zu beenden, weil einerseits die Seilschaft zu groß war und darum zu viel Zeit benötigte, andererseits das letzte Stück extrem anspruchsvoll war.
Wie anspruchsvoll das kurze Stück wirklich war, davon konnte ich mir selbst ein Bild machen, indem ich ein paar Schritte um den Grat herumging. Schon ein beeindruckendes Gefühl, wenn es neben deiner Fußspitze rund 1000 Höhenmeter sekrecht runtergeht.
Wir stiegen also ab, ohne den Gipfel erklommen zu haben, und es ist manchesmal ein größerer Triumph, zu verlieren, als womöglich in unnötiger Gefahr zu siegen. Ein falscher Fußtritt hätte hier tödlich sein können, das wurde uns allen bewußt. Man sieht Markus Mittelberger förmlich an, wie froh er ist, daß alle wieder heil abgestiegen sind.
Jetzt gings an den letzten Teil der Tour, ans "Yetln". Ups! Da hat sich glatt noch der Form3 vom Scherl Franz unter die Yetler gemischt. Na gut. Ausnahmen bestätigen die Regel. Unser fulminanter Startplatz auf dem Gletscher wurde allerdings immer wieder zugenebelt. Wir mußten ein passendes Fenster abwarten und dann flugs um die
Fasulwand rumfliegen. Auch wußten wir nicht, ob uns dort eine geschlossene Wolkendecke erwarten würde. Im schlimmsten Fall hätten wir jedoch im Fasultal sicher landen können.
Simon, der Großmeister der Lüfte, flog als Erster rein und gab uns über Funk grünes Licht, daß die Fasulwand frei sei. Hier fliegen Helle und ich gerade aus der Wand heraus, die übrigens sehr tückisch ist, wenn man ihr zu nahe kommt, weil sie einen gewaltigen Lee-Rotor in sich birgt.
Auf diesem Bild kann man erkennen, wie ästhetisch, geradezu elfengleich der echte Paragleiter fliegt. Die Farbtöne aufeinander abgestimmt, die Beine immer schön gekreuzt, auch wenn er die Hosen voll hat. Wenigstens in Schönheit sterben ...
Durch diesen V-Ausschnitt im Gebirg mußten wir hindurchfliegen, um auf die Luv-Seite zu gelangen.
Das sind die fünf großartigen Faselfad-Seen, darunter liegt das Verwalltal. Wir konnten nicht genug kriegen, von diesem atemberaubenden Naturschauspiel.
Auf der Tanun-Alpe, unterhalb des Sattelgrats, landeten wir dann alle Top, um die klammen Glieder aufzuwärmen. Man roch nämlich schon langsam die Schneeluft. Das gemeinsame Zusammensein, die Freundschaft und der Spaß untereinander, die Behutsamkeit, der gegenseitige Respekt in all der respektlosen Schwadroniererei, das alles macht die Yeti-Gemeinde aus. Alle fliegen wir aus purem Spaß, nicht aus dem kalten Leistungsgedanken heraus, denn es wird immer einen geben, der besser fliegt als man selbst.
Christoph schwappelte noch etwas über die Hänge der Tanun-Alpe, um ein wenig mehr Zeit zu haben, über die leidige Stromrechnung nachzudenken. Der Wind stand dort fast laminar an, und man konnte endlos hin- und herfliegen. (Die Glatze gehört dem echten Paragleiter.)
Simon zieht den Schirm auf, korrigiert ihn elegant und schwingt sich empor. Der Heimflug hatte es übrigens noch in sich. Nordwind kam auf, und zwar ein sehr kräftiger. Wir mußten deshalb in Pettneu landen, weil in St. Anton eine sehr turbulente Winddüse herrschte, die schon manch einem erfahrenen Piloten zum Verhängnis geworden ist.
Aktiv fliegen war gefragt, und das forderte jeden von uns, sehr konzentriert zu bleiben. Auch hier war es wiederum berührend, zu erleben, wie jeder auf den anderen Rücksicht nahm. Wer weiter vorne flog, gab die Windverhälntnisse via Funk durch. Und als Franz doch in St. Anton gelandet war, lotste uns Simon sicherheitshalber nach Pettneu.
Gruppenbild auf dem Landeplatz. Alle beglückt und im Kopf die herrlichen Bilder und Gefühle des Tages bewahrend, die für manchen regnerischen Tag entschädigen werden. Für mich persönlich war es ein Tag der Freundschaft, und das schönste Bild war es, zu sehen, wie alle Yetis so gemeinsam nach Hause flogen. Das sind Erlebnisse, die man nicht mehr vergißt. Danke an alle: Andrea, Simon, Milius, Helle, Christoph (wir haben dann noch allezusammengelegt, um ihn mit der Stromrechnung nicht hängen zu lassen) und natürlich Franz!
© Robert Schneider, Simon Penz, www.fca.at
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